Seitensprung oder?

Der Seitensprung ist ein immer wiederkehrendes, unerschöpfliches Motiv des Lustspiels. Wie kennen sie aus unzähligen Schwänken und Filmen, die braven

Ehemänner, die auf Reisen über die Stränge schlagen – oder es erfolglos versuchen. Wir kennen den gestrengen Herrn Direktor, die vor dem Stubenmädchen kniet und um Diskretion fleht, die Ehefrau, die zur Rachegöttin mutiert oder die kluge Frau, die das schlechte Gewissen ihres Ehemannes nutzt, um in den Besitzt eines lange ersehntes Schmuckstücks zu kommen. Kurz: Wer vom Seitensprung spricht, kann gewöhnlich ein leichtes Schmunzeln nicht unterdrücken.

Wer das gleiche Geschehen dagegen als „Ehebruch“ bezeichnet, der hat nicht die Komödie, sondern die Tragödie im Sinn. Er denkt an feierlich gekleidete Herren, die sich im Morgengrauen duellieren bis einer von ihnen tot ins Gras sinkt. Er denkt an Frauen, die mit tränenfeuchten Augen nicht etwa zum Scheidungsanwalt, sondern ins Wasser gehen. Im Alltag ist es heute aber doch eher der Scheidungsanwalt, der den Schlusspunkt der Affäre vorbereitet.

Neuerdings aber tauchen Bezeichnungen auf, die sich weder mit Komödie noch mit Tragödie verbinden lassen, Bezeichnungen, die das Geschehen völlig emotionslos bezeichnen und es zugleich verkleinern: Der One-Night-Stand sagt schon im Wort: Aus und vorbei, es gab kein Vorher, es gibt kein Nachher, es hatte nichts mit Liebe oder Zuneigung zu tun. Es ging ausschließlich um Sex. Noch deutlicher wird das bei einem anderen Begriff: „Quickie“. Schnell und unbedeutend – ist es nicht kleinlich, über den Quickie des Ehepartners auch nur ein Wort zu verlieren?

Lassen wir uns den guten alten Seitensprung – als Begriff natürlich nur – nicht nehmen. Menschlicher als das, was da über den großen Teich kommt, ist er allemal.

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