Geschichte wurde nicht nur von Männern gemacht

Die Geschichtsschreibung war über Jahrhunderte hinweg ein Geschichte großer Männer: Sie diente fast ausschließlich der Heroisierung oder Verunglimpfung von Königen, Politikern, Geistlichen, und Schlachtenlenkern. Geschichte wird aber nicht nur von einzelnen Personen gemacht und ebenso wenig nur von männlichen.

Oft verliert man etwa die Rolle der Frauen an den Seiten der Könige aus dem Auge. Was man damals als „Mätresse“ (frz. „Herrin, Meisterin“) bezeichnete, hatte nichts Anrüchiges. Da Eheschließungen fast ausschließlich durch ökonomische Aspekte motiviert waren, hatten hochrangige Adlige meist eine Konkubine, die am Hofe einen semilegitimen Status inne hatten. Ein König heiratete aus Machtinteresse, seine wirkliche Partnersuche indes erfolgte affektiv. Während er seine Mätresse häufig wirklich liebte, sah er seine Ehefrau manchmal nur sehr selten. Von einigen Mätressen weiß man, dass sie nicht unerheblichen politischen Einfluss ausübten.

Zwei sehr berühmte Mätressen des 15. Jahrhunderts etwa waren Agnès Sorel und Agnes Bernauer. Die als besonders schön und außergewöhnlich intelligent beschriebene Agnès Sorel war die erste offizielle Mätresse am französischen Königshof und führte dort die Mode der unbedeckten weiblichen Brust ein. Sie schenkte dem französischen König Karl VII. vier Kinder. Ihr politischer Einfluss auf ihren Mann war so groß, dass die Zahl ihrer Feinde stetig wuchs. Besonders Karls offizieller Sohn, der spätere König Ludwig VI., hasste die Mätresse seines Vaters. Im Februar 1450 erkrankte und verstarb Agnès Sorel so plötzlich, dass schnell das Gerücht aufkam, sie sei vergiftet worden. Eine kriminalistische Untersuchung aus dem Jahre 2004 bestätigte das Gerücht.

Die als zart und schön beschriebene Agnes Bernauer heiratete den Sohn des bayerischen Herzogs, der jedoch die Ehe nicht anerkannte, da sie nicht standesgemäß war. Dennoch lebten Agnes und ihr Albrecht heimlich zusammen auf Schloss Vohburg. Als Albrecht durch seinen Vater zur Strafe von ritterlichen Festen ausgeschlossen wurde, erklärte er Agnes zu seiner rechtmäßigen Ehefrau. Während der Abwesenheit Albrechts wurde Agnes Bernauer wegen „Zauberei“ zum Tode durch Ertränken verurteilt. Im Oktober 1435 gelang es ihr bei ihrer Hinrichtung die Fesseln um ihre Beine zu lösen und ans Donauufer zu gelangen, wo jedoch der Henker ihren Kopf so lange unters Wasser drückte, bis sie tot war.

Die Zeit der Mätressen währte knapp drei Jahrhunderte. Mit dem Ende des Absolutismus war auch die Epoche der Mätressen vorüber, doch Liebschaften wie die von Camilla Parker Bowles und Prince Charles gibt es noch immer. Heute ist eine Ehe das, woraus bereits die Minnesänger des Mittelalters standesübergreifend ihre Thematik entwickelten: ein Bund der Liebe, nicht der Macht. Eine moderne Partnervermittlung fragt nicht nach Stand oder Nation – und die klassischen Mätressen sind dadurch arbeitslos.

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