Judit und Holofernes – ein alttestamentarischer Mythos heute

Gleich ihre CD Die Reklamation (2003) wurde ein Riesenerfolg und machte „Wir sind Helden“ zu deutschen Megastars. Sehr erfolgreich darauf war das Lied Aurélie, in der einer kleinen Französin bei der Partnersuche im exotischen Deutschland geholfen wird: „Aurélie / So klappt das nie / Du erwartest viel zu viel / Die Deutschen flirten sehr subtil.“

Frontfrau von „Wir sind Helden“ ist die charismatische und sehr hübsche Judith Holofernes, 1976 in Berlin geboren und in Kreuzberg aufgewachsen. Ihr Künstlername spielt an auf eine sehr blutige Geschichte der Bibel, eine Parabel auf die Dialektik von Macht und Ohnmacht, von Stärke und Schwäche, von Heidentum und Glaube, Liebe und Hass.

Judit ist eine schöne und wohlhabende Witwe und lebt in der judäischen Stadt Betulia, die von den Truppen des babylonischen Königs Nebukadnezar belagert wird. Ihr Oberbefehlshaber, Holofernes, hat die Stadt vom Wasser abgeschnitten, um die Bewohner zur Kapitulation zu zwingen. Holofernes befehligt eine für damalige Zeit riesige Armee: Es werden Zahlen genannt von 170.000 Fußsoldaten und 12.000 berittenen Bogenschützen.

Judit ist gesetzestreu und gottesfürchtig, mit ihrer Schönheit zieht sie die Blicke aller Männer auf sich. Als Holofernes von ihrer Schönheit berichtet wird, lädt er sie in sein Zelt ein, und er ist von Beginn an von ihr verzückt: „Es gibt von einem Ende der Erde bis zum andern keine zweite Frau, die so bezaubernd aussieht und so verständig reden kann.“ Judit wickelt Holofernes geschickt und listig um den Finger.

Mehrere Tage verweilt Judit im babylonischen Lager. Als Holofernes schließlich plant, ihr bei einem Fest näher zu kommen, legt sie sich ihr schönstes Festkleid und ihren prachtvollsten Schmuck an. Die Diener verlassen das Zelt, um das Paar bei der Liebesnacht nicht zu stören, doch Holofernes hat sich zu viel Wein einverleibt und ist völlig betrunken. In diesem Moment ergreift Judit sein Schwert und schlägt ihm den Kopf ab. Judit entkommt unbemerkt dem Lager, und als die babylonischen Soldaten am nächsten Morgen den Kopf ihres Feldherrn entdecken, ergreifen sie voller Panik die Flucht.

Als deuterokanonisches Buch des Alten Testament ist das Buch Judit apokryph. Es stammt aus der Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts und wurde wahrscheinlich in Jerusalem verfasst. Judits Tat gilt dem jüdischen Volk nicht als Mord oder Verherrlichung der Gewalt, sondern als Absage an Krieg und als Befreiungsakt der Juden. Warum es nie Eingang in das Alte Testament, ist fraglich. Es ist bis heute vielleicht der vielleicht bekannteste apokryphe Text der Bibel.

In der Kunstgeschichte erfuhr die Geschichte von Judit und Holofernes große Rezeption: Michelangelo, Caravaggio, Lucas Cranach, Rubens und Klimt gestalteten sie sehr unterschiedlich und je auf ihre unnachahmliche Weise bildnerisch, Friedrich Hebbel verarbeitete die Geschichte dramatisch.

Eine moderne Partnervermittlung bezieht neueste Erkenntnisse der psychologischen Forschung in die Partnersuche mit ein, und die psychologische Forschung bedient sich bei der Benennung psychologischer Phänomene Mythen und biblischen Vorbildern, etwa beim Ödipus- und Elektra-Komplex oder beim Narzissmus. Und spätestens bei Judith Holofernes von „Wir sind Helden“ schließt sich der Kreis: „Ach Aurélie du sagst ich solle dir erklären / Wie in aller Welt sich die Deutschen dann vermehren / Wenn die Blumen und die Bienen in Berlin nichts tun als grienen / Und sich ‘nen Teufel um Bestäubungsfragen scheren.“

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